Chromradar
Klassiker im Wert-Check
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Mercedes W124 vs W210, der letzte echte Benz gegen den Rost-Nachfolger

Zwischen diesen beiden E-Klassen liegt der wohl größte Qualitätsbruch der Mercedes-Geschichte: Der W124 gilt als letzter echter Mercedes und Höhepunkt des Over-Engineering, der W210 brachte das Vieraugen-Gesicht, mehr Technik für weniger Geld und eine Rost-Affäre, die seinen Ruf bis heute prägt. Wir vergleichen Marktwerte, Substanz und Sammler-Logik.

von Patrick Leiß · Stand: 15. Juni 2026 · Lesezeit ca. 15 Min
Mercedes-Benz
Mercedes W124 Limousine
200E bis 300E-24 · 1985–1995
Note 2: 10.500 EUR · Trend 3 Jahre: +17%
Mercedes-Benz
Mercedes E-Klasse W210
E200 bis E430 · 1995–2002
Note 2: 5.500 EUR · Trend 3 Jahre: +11%

Marktwert direkt verglichen

Zustand Mercedes W124 Limousine Mercedes E-Klasse W210 Differenz
Note 1 16.000 EUR 9.000 EUR +7.000 EUR
Note 2 10.500 EUR 5.500 EUR +5.000 EUR
Note 3 6.500 EUR 3.500 EUR +3.000 EUR
Note 4 3.500 EUR 1.800 EUR +1.700 EUR
Note 5 1.200 EUR 600 EUR +600 EUR

Marktwerte aus dem Chromradar-Index, Stand 15. Juni 2026. Differenz = Wert Mercedes W124 Limousine minus Wert Mercedes E-Klasse W210.

Kaum ein Generationswechsel bei Mercedes ist so aufgeladen wie dieser: Der W124 gilt vielen als letzter echter Mercedes, als Höhepunkt einer Ära, in der Ingenieurskunst über Kostendruck stand. Sein Nachfolger W210 brachte 1995 das neue Vieraugen-Gesicht, modernere Technik und das Versprechen von mehr Auto für weniger Geld, kassierte aber mit einer berüchtigten Rost-Affäre einen Imageschaden, der bis heute nachhallt. Zwischen den beiden liegt deshalb nicht nur eine Modellgeneration, sondern der vielleicht größte Qualitätsbruch der Marke. Wir klären mit aktuellen Marktdaten, welche E-Klasse zu welchem Käufer passt.

Kurzfazit

Der W124 ist die substanzstarke Wertanlage: 10.500 EUR in Note 2, +17 % über drei Jahre, komplett H-fähig und als letzter echter Mercedes fest im Sammlerbewusstsein verankert. Wer ihn kauft, kauft den Ruf von Over-Engineering und Laufleistungen jenseits der 400.000 Kilometer. Der W210 ist die rationale, aber riskantere Gegenwette: 5.500 EUR in Note 2, technisch eine Generation moderner (Zahnstangenlenkung, Seitenairbags, Xenon, V8-Optionen bis 350 PS), fast 91 Prozent günstiger und mit +11 % Trend im Aufwind, aber belastet vom Rost-Image. Die Faustregel: Wer Substanz und Wertsicherheit will, nimmt den W124. Wer maximalen Gegenwert, modernen Komfort oder einen V8-Geheimtipp sucht und genau auf Rost prüft, greift zum W210. Bei beiden schlägt dokumentierte Rostfreiheit jede Motor- und Ausstattungsfrage, beim W210 gilt das in besonderem Maße.

Die beiden Modelle im Profil

Mercedes W124 (1984 bis 1995)

Der W124 trat 1984 an und setzte technisch wie qualitativ Maßstäbe. Das Design von Bruno Sacco war elegant, sachlich und aerodynamisch, laut Nau Automobile verkörperte er eine Ära, in der Ingenieurskunst und kompromisslose Qualität bei Mercedes über allem standen. Innovationen wie die Mehrlenker-Hinterachse und der Einarmwischer wurden zum Branchenstandard, dazu kamen optional ABS, Fahrer-Airbag und ab den frühen 90ern das 4MATIC-Allradsystem. Die Motorenpalette spannte sich vom sparsamen Vierzylinder bis zum 500E mit 326 PS, der in Zusammenarbeit mit Porsche in Zuffenhausen praktisch in Handarbeit endmontiert wurde. 1993 erhielt die Baureihe im Zuge einer Modellpflege den neuen Namen E-Klasse. Heute trägt der W124 das Etikett des letzten echten Mercedes und ist ein gesuchter Klassiker, der seinen Wert aus Substanz und Ruf zieht.

Mercedes E-Klasse W210 (1995 bis 2002)

Der W210 löste 1995 den in die Jahre gekommenen Vorgänger ab und wagte einen radikalen Bruch. Die Karosserie wurde rundlich und weich, vor allem aber führte er bei Mercedes die Ära des Vieraugen-Gesichts ein, vier ovale Rundscheinwerfer, auf die die Werbung mit dem Slogan vom Sehen mit neuen Augen vorbereitete. Das Design gewann laut Mercedes-Fans den red-dot Design Award, und erstmals konnten Kunden zwischen den Ausstattungslinien Classic, Elegance und Avantgarde wählen. Technisch war der W210 moderner als der Vorgänger: Zahnstangenlenkung, Traktionskontrolle ETS, Seitenairbags und ein Bestwert beim Luftwiderstand. Mit 1.653.437 gebauten Exemplaren wurde er ein kommerzieller Erfolg. Doch der Ruf litt: Eine massive Rost-Affäre, ausgelöst durch Probleme beim Elektrotauchlack, hängt der Baureihe bis heute an. An der Spitze standen die V8-Modelle bis zum E55 AMG.

AspektW124 LimousineW210 Limousine
Bauzeit1984–19951995–2002
Design-ÄraSacco, sachlich-kantigVieraugen-Gesicht, rund
Stückzahlähnlich W123-Größenordnung1.653.437
Motoren122–326 PS (bis 500E)95–350 PS (bis E55 AMG)
Technik-HighlightsMehrlenkerachse, ABS, Airbag, 4MATICZahnstangenlenkung, ETS, Seitenairbags, Xenon
KarosserienLimousine, T-Modell, Coupé, CabrioLimousine, T-Modell
H-Kennzeichenkomplett H-fähigFenster läuft 2025 bis 2032 durch
Rufletzter echter Mercedesder Rost-Benz mit V8-Geheimtipps

Wo der W124 mit Substanz und Ruf punktet, war der W210 schlicht das modernere Auto. Laut mobile.de bot er eine Reihe von Features, die es beim W124 nicht einmal gegen Aufpreis gab:

MerkmalW124W210
LenkungKugelumlauflenkungZahnstangenlenkung
Seitenairbagsnicht erhältlichverfügbar
Traktionskontrolle ETSneinserienmäßig
Xenon, Parktronic, Bosenicht erhältlichoptional
Rost-Anfälligkeitkontrollierthoch (Elektrotauchlack)
H-Kennzeichenkomplettrollt 2025–2032 durch

Marktwert und Wertentwicklung

Im Chromradar-Index (Stand Juni 2026) stehen sich die beiden Limousinen so gegenüber:

ZustandsnoteW124W210W124-Aufpreis
Note 1 (Concours)16.000 €9.000 €+78 %
Note 2 (gut)10.500 €5.500 €+91 %
Note 3 (gebraucht)6.500 €3.500 €+86 %
Note 4 (verbraucht)3.500 €1.800 €+94 %
Note 5 (Projekt)1.200 €600 €+100 %

Der W124 liegt durchgängig rund 78 bis 100 Prozent über dem W210, in der Projektklasse exakt doppelt so hoch. Das ist mehr als die übliche Generationen-Differenz: Hier addiert sich der Klassiker-Bonus des W124 zur Rost-Hypothek des W210. Die externen Quellen stützen das Bild. Beim W210 handelt Classic Trader normale Limousinen wie einen E200 oder E230 im Bereich von rund 5.500 bis 8.000 EUR, während gut ausgestattete oder seltene Varianten wie ein E320 Avantgarde mit sehr geringer Laufleistung auf über 23.000 EUR klettern und die V8-AMG-Modelle (E50, E55) in eigene Sphären zwischen rund 26.000 und 44.900 EUR vorstoßen. Beim W124 verweist Classic Trader auf das Etikett des letzten echten Mercedes und Laufleistungen über 400.000 Kilometer, der internationale Markt bestätigt das stabile Niveau: classic.com weist für den 300E einen Markt-Benchmark von rund 9.300 US-Dollar aus, mit Spitzenverkäufen über 30.000 US-Dollar.

Bei den Trends liegt der W124 mit +17 % über drei Jahre klar vor dem W210 mit +11 %. Beide steigen, aber der etablierte W124 zieht stärker an, weil seine Nachfrage breiter ist. Wie tief die Baureihen im deutschen Klassikerbestand verankert sind, zeigt der Hiscox Pocket Price Guide: Der Deutsche Oldtimer-Index notierte zum Jahreswechsel bei 2.985 Punkten und damit 1,85 Prozent über dem Vorjahr, die E-Klasse-Modelle aus Stuttgart gehören zu den am häufigsten H-zugelassenen Fahrzeugen des Landes.

Bauqualität und die Rost-Affäre des W210

Der zentrale inhaltliche Unterschied liegt in der Bauphilosophie. Der W124 steht für Over-Engineering: hochwertige Materialien, akribische Detailarbeit, Innovationen, die später Standard wurden. Nau Automobile beschreibt ihn als Inbegriff eines soliden, zuverlässigen Automobils, Classic Trader verweist auf Laufleistungen über 400.000 Kilometer. Dieser Ruf ist der wichtigste Werttreiber der Baureihe.

Beim W210 schlug das Pendel um. Mercedes versprach mehr Auto für weniger Geld, der Neue sei laut auto motor und sport rund 4,2 bis 6,7 Prozent günstiger als ein vergleichbarer W124 und in der Produktion sogar etwa 30 Prozent billiger. Genau dieser Kostendruck rächte sich. Schon kurz nach Verkaufsstart zeigten sich braune Flecken auf dem Lack, sogar am Stern auf dem Kofferraumdeckel, und Mercedes lackierte in der Kulanzzeit ganze Dächer neu. Besonders heimtückisch rosteten die Federbeinaufnahmen an den Schweißnähten weg. Die Ursache klärte im Jahr 2000 die Studentin Ina Katrin Gühring an der Universität Stuttgart in einer von Daimler unterstützten Doktorarbeit über mikrobiellen Befall von Elektrotauchlack: Ausscheidungen eines Bakterienstamms veränderten je nach Lieferung und Lackierzeitpunkt die Eigenschaften des Lacks. Das Ergebnis ist eine enorme Streuung im heutigen Bestand, manche W210 rosten kaum, andere katastrophal. Davon abgesehen erwies sich der W210 nach Beseitigung der Anlaufprobleme als technisch solide, doch der Imageschaden blieb und drückt bis heute die Preise.

Echtheit und Schwachstellen

Bei beiden Baureihen ist die Technik selten das Problem, der Rost dagegen je nach Modell sehr wohl. Beim W124 sind die Radläufe, Schweller, Türunterseiten, Hinterachsaufnahmen und die Bereiche um Front- und Heckscheibe die kritischen Zonen, besonders gefährlich ist Rost, der aus den seitlichen Sacco-Brettern quillt. Insgesamt rostet der W124 aber kontrollierter und gilt als die substanziell gesündere Baureihe.

Beim W210 ist die Rostprüfung das alles entscheidende Kaufkriterium. Laut mobile.de sind Türen, Kotflügel, Schweller, Federbeinaufnahmen, Motorträger und Unterboden anfällig. Mercedes-Fans rät klar, grundsätzlich das besser gepflegte, teurere Auto der zweiten Modellpflege zu kaufen, die Laufleistung sei dabei weniger wichtig als der Pflege- und Karosseriezustand. Ein Geheimtipp sind die selteneren 4MATIC-Modelle aus Grazer Produktion, die deutlich weniger rosten. Bei den V8 lohnt zusätzlich der Blick auf Motor und Elektronik: Beim M119 sollten bei rund 200.000 Kilometern die Führungsschienen der Steuerketten getauscht werden, und im Alter zickende Komfortausstattung (Parktronic, Sitzheizung, Spiegel) kann ins Geld gehen. Für beide Baureihen gilt: Vor dem Kauf gehört ein Wertgutachten oder eine Durchsicht auf der Hebebühne zum Pflichtprogramm, beim W210 ist es unverzichtbar.

Markt, Verfügbarkeit und Versicherung

Die Marktlagen unterscheiden sich deutlich. Der W124 ist als Klassiker gefragt, gute Autos sind gesucht und entsprechend stabil bis steigend im Preis. Der W210 ist laut mobile.de vergleichsweise unbeliebt und bietet daher Luxus zum Schnäppchenpreis, besonders die V8-Modelle gelten als Geheimtipp mit S-Klasse-Format. Genau hier liegt die Chance der Baureihe: Während der Bestand durch Rost schrumpft, werden gepflegte Exemplare zunehmend knapp. Wie sich beide in die größere Mercedes-Klassik einordnen, zeigen die Familien-Bezugspunkte: Der direkte Vorgänger W123 und der W124 stehen sich in unserem Duell W123 vs W124 gegenüber, und das 500E-Spitzenmodell der W124-Reihe spielt preislich in einer eigenen Liga, ähnlich wie es die W210-AMG-Modelle in ihrer Generation tun.

Versicherungsseitig sind die normalen Vier- und Sechszylinder beider Baureihen unkompliziert und günstig, der H-Status hilft beim W124 vollständig und beim W210 zunehmend. Teurer wird es bei den V8- und AMG-Modellen, deren höhere Leistung in die Prämie einfließt. Ob H-Kennzeichen oder Youngtimer-Police, den genauen Status klären wir im Ratgeber Youngtimer vs Oldtimer. Unser Klassik-Versicherungs-Vergleich rechnet die Prämie für beide Modelle anbieter-spezifisch durch, die Detail-Unterschiede der Anbieter haben wir im Versicherer-Vergleich aufgeschlüsselt.

Fazit

W124 oder W210 ist eine Frage von Substanz gegen Gegenwert. Der W124 ist der etablierte Klassiker: als letzter echter Mercedes mit Over-Engineering-Ruf, komplett H-fähig und mit +17 % Trend die sichere Wertanlage. Er kostet fast doppelt so viel, weil er den besseren Ruf und die bessere Substanz hat. Der W210 ist die rationale Gegenwette: technisch moderner, fast 91 Prozent günstiger und mit V8-Modellen, die S-Klasse-Luxus zum Schnäppchenpreis bieten, aber belastet vom Rost-Image und mit höherem Risiko. Die klügste Lesart hängt am Budget und an der Risikobereitschaft: Wer Substanz und Wertsicherheit über alles stellt, kauft den besten rostfreien W124-Sechszylinder. Wer maximalen Gegenwert, modernen Komfort oder einen V8-Geheimtipp sucht und bereit ist, penibel auf Rost zu prüfen, findet im W210 ein außergewöhnlich viel Auto fürs Geld. Falsch macht man mit keinem etwas, solange der Unterboden stimmt, beim W210 ist genau das die alles entscheidende Bedingung.

Empfehlung nach Einsatzzweck

Bauqualität und Langzeit-Substanz
Mercedes W124 Limousine

Wer kompromisslose Substanz sucht, ist beim W124 richtig. Er gilt laut Nau Automobile als Höhepunkt der Stuttgarter Ingenieurskunst, gebaut in einer Ära, in der Langlebigkeit über Kostendruck stand, mit dokumentierten Laufleistungen über 400.000 Kilometer. Der W210 dagegen wurde laut Mercedes-Vorstand in der Produktion rund 30 Prozent günstiger gefertigt, und genau das rächte sich: Eine Rost-Affäre, deren Ursache eine Stuttgarter Doktorarbeit im Jahr 2000 auf mikrobiellen Befall des Elektrotauchlacks zurückführte, beschädigte den Ruf der Baureihe dauerhaft. Zwar erwies sich der W210 nach Beseitigung der Anlaufprobleme als technisch solide, doch der W124 ist die ehrlichere Langzeit-Investition. Wer ein Auto will, das ohne Asterisk ein Vierteljahrhundert übersteht, kauft den W124.

Bestes Auto fürs Geld und Alltags-Luxus
Mercedes E-Klasse W210

Rational betrachtet bietet der W210 unfassbar viel Auto für wenig Geld. In Note 2 stehen 5.500 EUR gegen 10.500 EUR beim W124, und technisch ist er eine Generation weiter: präzise Zahnstangenlenkung statt Kugelumlauflenkung, Seitenairbags, Traktionskontrolle ETS, optional Xenon, Parktronic und Bose, alles laut mobile.de Dinge, die es beim W124 nicht einmal gegen Aufpreis gab. Die Spitze sind die V8-Modelle: Ein gepflegter E430 mit 279 PS oder gar ein E55 AMG mit rund 350 PS kostet heute oft weniger als 15.000 EUR, Luxus und S-Klasse-Format zum Schnäppchenpreis. Wer modernen Komfort, Sicherheit und Leistung zum kleinsten Budget will, fährt mit dem W210 klar günstiger. Entscheidend ist nur, ein rostarmes, gepflegtes Exemplar zu finden.

Wertanlage und Sammler-Sicherheit
Mercedes W124 Limousine

Als Wertanlage ist der W124 die deutlich sicherere Bank. Er ist als letzter echter Mercedes fest im Sammlerbewusstsein verankert, komplett H-fähig und mit +17 % über drei Jahre der dynamischere Wert in diesem Duell. Classic Trader führt ihn ausdrücklich unter diesem Etikett, und gute, unverbastelte Sechszylinder mit Historie sind gesucht. Der W210 steigt mit +11 % zwar auch, startet aber von einem viel niedrigeren Niveau und schleppt das Rost-Image als Bremse mit. Für die Limousine gilt: Der W124 ist der etablierte Klassiker, der W210 noch der Aufsteiger mit Fragezeichen. Wer Wertsicherheit über Spekulation stellt, kauft den besten rostfreien W124, den Budget und Substanz hergeben.

Nachhol-Potenzial und Kontrarian-Wette
Mercedes E-Klasse W210

Für die Aufhol-Wette spricht der W210. Er wird gerade erst zum Oldtimer: Die Baureihe lief 1995 bis 2002, frühe Modelle sind bereits H-fähig, der Rest überschreitet bis 2032 reihum die 30-Jahres-Grenze. Gleichzeitig hat das Rost-Drama den Bestand brutal ausgedünnt, gepflegte, rostfreie Exemplare sind laut Mercedes-Fans selten geworden, was den Survivor-Effekt verstärkt. Wer einen makellosen Vor-Facelift-Sechszylinder oder einen 4MATIC aus Grazer Produktion findet (die laut Mercedes-Fans deutlich weniger rosten), kauft ein knappes Gut zum Tiefpreis. Die V8-Geheimtipps E50 und E55 AMG haben bereits Youngtimer-Status und sind die spannendsten Wetten. Das Nachholpotenzial ist beim W210 größer, das Risiko aber auch.

Haeufige Fragen zum Vergleich

Was unterscheidet Mercedes W124 und W210 grundsätzlich? +
Es sind zwei aufeinanderfolgende Generationen der Mercedes-Mittelklasse, zwischen denen ein tiefer Qualitäts- und Designbruch liegt. Der W124 von 1984 trägt das sachliche, kantige Bruno-Sacco-Design und gilt laut Nau Automobile als Höhepunkt des Mercedes-Over-Engineering, also einer Bauphilosophie, die Langlebigkeit über Kosten stellte. Der W210 von 1995 brach optisch radikal damit: rundere Linien, das neue Vieraugen-Gesicht mit vier ovalen Rundscheinwerfern, ein Design, das sogar den red-dot Award gewann. Technisch war er moderner, mit Zahnstangenlenkung, Seitenairbags und mehr Komfort, laut Mercedes aber zugleich rund 30 Prozent günstiger zu produzieren. Genau dieser Kostendruck mündete in die berüchtigte Rost-Affäre des W210. Der W124 ist der substanzstarke Klassiker, der W210 der modernere, aber umstrittene Nachfolger.
Warum ist der W124 fast doppelt so teuer wie der W210? +
Im Chromradar-Index stehen in Note 2 rund 10.500 EUR für den W124 gegen 5.500 EUR für den W210, ein Aufschlag von etwa 91 Prozent. Dahinter stecken mehrere Gründe. Erstens der Ruf: Der W124 ist als letzter echter Mercedes ein gesuchter Klassiker, während der W210 sein Rost-Image bis heute mitschleppt. Zweitens das Alter und der H-Status: Der W124 ist komplett H-fähig und länger als Sammlerstück etabliert, der W210 wächst gerade erst aus dem Gebrauchtwagen-Dasein heraus. Drittens die Substanz: Vom W124 haben überdurchschnittlich viele Exemplare überlebt, beim W210 hat der Rost den Bestand guter Autos stark ausgedünnt, was paradoxerweise die Preise (noch) nicht stützt, weil die Nachfrage geringer ist. Der W210 holt mit +11 % auf, der Abstand dürfte langfristig schrumpfen, aber der W124 bleibt vorerst klar wertvoller.
Wie schlimm ist das Rost-Problem beim W210 wirklich? +
Rost ist das prägende Thema der Baureihe und der Hauptgrund für ihren schlechten Ruf. Laut auto motor und sport zeigten sich schon kurz nach Verkaufsstart 1995 braune Flecken auf dem Lack, sogar am Stern auf dem Kofferraumdeckel. Mercedes lackierte noch in der Kulanzzeit ganze Dächer neu. Besonders heikel sind die Federbeinaufnahmen, die an den Schweißnähten wegrosteten und Fahrzeuge an der Vorderachse unfreiwillig tieferlegten, dazu Türen, Kotflügel, Schweller, Motorträger und Unterboden. Die Ursache klärte 2000 die Studentin Ina Katrin Gühring an der Universität Stuttgart in einer von Daimler unterstützten Doktorarbeit über mikrobiellen Befall von Elektrotauchlack: Bakterienausscheidungen veränderten je nach Lieferung und Lackierzeitpunkt die Lackeigenschaften. Die Folge ist eine extreme Streuung: Manche W210 rosten kaum, andere katastrophal. Beim Kauf entscheidet daher allein der konkrete Karosseriezustand, nicht das Baujahr.
Welcher von beiden ist die bessere Wertanlage? +
Der W124 ist die sicherere Wertanlage, der W210 die spekulativere Wette. Der W124 ist als letzter echter Mercedes etabliert, komplett H-fähig und steigt mit +17 % über drei Jahre, Classic Trader bestätigt die anhaltende Nachfrage nach guten Exemplaren. Sein Aufwärtstrend ist breit abgesichert, das Risiko gering. Der W210 steigt mit +11 % langsamer und von einem niedrigeren Niveau, hat aber durch den Survivor-Effekt theoretisch mehr Luft nach oben: Weil so viele Autos verrostet sind, werden rostfreie Exemplare zunehmend knapp. Bei beiden gilt dieselbe eiserne Regel: Nur unverbastelte, dokumentierte und vor allem rostfreie Autos sind echte Anlagen. Für maximale Sicherheit nimmt man den besten W124-Sechszylinder, für mehr Nachholpotenzial bei höherem Risiko einen makellosen W210, idealerweise einen V8 oder einen rostarmen 4MATIC.
Welche Motoren sind bei W124 und W210 empfehlenswert? +
Bei beiden Baureihen gelten die Reihensechszylinder als Sweet Spot. Beim W124 ist der 300E mit dem M103/M104-Sechszylinder (180 bis 188 PS) die ideale Mischung aus Laufkultur und Alltagstauglichkeit, die Sechszylinder erreichen problemlos sechsstellige Laufleistungen. Auch beim W210 empfiehlt auto motor und sport die seidig laufenden M104-Reihensechszylinder der Vor-Facelift-Modelle oder, für maximalen Komfort, die V8-Kolosse ab E420 und E430 mit 279 PS. Bei den V8 (Motor M119) sollten vorsorglich bei rund 200.000 Kilometern die Führungsschienen der Steuerketten erneuert werden, Klackern deutet auf angeschlagene Hydrostößel hin. Bei den Dieseln gilt: Die alten Vorkammer-Diesel sind unkaputtbar, die ab 1998 eingeführten CDI sparsamer, aber weniger langlebig. Entscheidend ist bei beiden Baureihen immer die Wartungshistorie, nicht der Kilometerstand.
Haben W124 und W210 ein H-Kennzeichen? +
Der W124 ist komplett durch: Gebaut von 1984 bis 1995, hat jedes Exemplar die 30-Jahres-Grenze nach Paragraf 23 StVZO überschritten und kann das H-Kennzeichen mit pauschaler Kfz-Steuer von 191,73 EUR führen. Beim W210 rollt das Fenster gerade durch: Die Baureihe lief von 1995 bis 2002, die frühen Modelle von 1995 und 1996 sind 2026 bereits H-fähig, die späten Baujahre erreichen bis 2032 reihum die Grenze. Genau dieser Übergang macht den W210 derzeit interessant, weil er Jahr für Jahr stärker vom unbeliebten Gebrauchtwagen zum H-fähigen Youngtimer wird, was Steuer und Versicherung verbilligt. Voraussetzung ist bei beiden ein weitgehend originaler und ausreichend gepflegter Zustand. Beim rostanfälligen W210 ist die bestandene H-Abnahme zugleich ein nützlicher Substanznachweis. Den Unterschied zwischen Oldtimer und Youngtimer schlüsseln wir in einem eigenen Ratgeber auf.
Ist der W210 ein Geheimtipp oder ein Groschengrab? +
Er kann beides sein, der Grat ist schmal. Als Geheimtipp gelten laut mobile.de vor allem die V8-Topmodelle: Ein E420 oder E430 bietet S-Klasse-Format und 279 PS für oft weniger als 10.000 EUR, gepflegte AMG-Versionen E50 und E55 mit rund 350 PS liegen meist zwischen 10.000 und 15.000 EUR, einzelne Sammlerstücke deutlich höher. Das ist Luxus und Leistung zum Bruchteil des einstigen Neupreises von rund 150.000 D-Mark. Zum Groschengrab wird der W210 dagegen im unteren Preissegment: Viele billige Exemplare sind heruntergewirtschaftete Alltagsautos mit Rost, Elektronikausfällen und Verschleiß, bei denen ein Wartungsstau schnell Tausende Euro verschlingt. Die Faustregel lautet daher: Lieber das teurere, besser gepflegte Auto der zweiten Modellpflege kaufen, im Idealfall einen rostarmen 4MATIC. Beim W210 schlägt Substanz jeden Schnäppchenpreis.
Limousine, T-Modell oder V8: welche Variante soll ich wählen? +
Beide Baureihen gibt es als Limousine und als T-Modell (Kombi), beim W124 zusätzlich als Coupé (C124) und Cabrio (A124), beim W210 entfiel das Coupé zugunsten des CLK. Die Limousine ist jeweils der günstige Einstieg und die häufigste Form. Die T-Modelle kosten bei beiden etwas mehr, weil viele Käufer die Praktikabilität schätzen, in unserem Index notieren sie über den Limousinen. Beim W124 thront an der Spitze das in Zusammenarbeit mit Porsche gebaute 500E-Sondermodell in einer eigenen Liga. Beim W210 sind die V8-Modelle E420, E430 und vor allem die AMG-Versionen E50 und E55 die emotionalen Highlights und der eigentliche Sammlergrund für diese Baureihe. Für diesen Vergleich nehmen wir bewusst die Limousinen, weil sie das Volumen und die direkte Generationen-Frage am klarsten abbilden. Wer eine Sonderform sucht, findet sie über unsere Marktwert-Seiten.

Quellen

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